Unsere Ordiantion

Unsere Ordinationsgemeinschaft befindet sich im geschichtsträchtigen "Alten Doktorhaus Barwies" in Mieming.

Wir haben das alte Gebäude, in dem bereits seit 100 Jahren der ortsansässige Doktor ordinierte und zum Teil auch wohnte, im Oktober 2005 liebevoll renoviert und neu eingerichtet. Bei der Renovierung war uns wichtig, dass der Charakter des Hauses weder von Aussen noch von Innen  verändert wird. Und so ist in dem alten Haus eine mit modernsten Geräten bestückte und doch ein wenig im „Retro-Stil“ möblierte Praxis entstanden, in der wir uns sehr wohl fühlen.

Über 2 Etagen bieten wir umfassende Untersuchungs- und Behandlungsmöglichkeiten für unsere Patienten an. Unsere Apparative Ausstattung umfasst u.a.:

EKG, verschiedene Laborgeräte zur Blut- und Harnuntersuchung, Sterilisator, Lungenfunktionsgerät, Pulsoxymeter, Tiefenbestrahlungsliege, Reizstrom- und Ultraschallgerät, Ergometer-Rad, BIA-Messgerät, therapeutisch-medizinischer Laser

Das Doktorhaus in Barwies wurde Wahrscheinlich 1908 erbaut. Einen nahezu identen Bau führte man 1912/13 in Kappl aus, was wohl auf einen einheitlichen Plan von Landesseite zurückzuführen ist. Von Beginn an war das Gebäude Sitz des ortsansässigen Arztes, und seit bereits mehr als hundert Jahren ordiniert im Mieminger Doktorhaus ein Vertreter der Familie Offer. Am Beginn dieser Tradition steht Dr. Franz Offer (*1885), dessen Frau Josefine (*1891) der Familie Stricker entstammt.  Franz Offer wurde in Hall in Tirol geboren als Sohn des K. K. Sanitätsrates Dr. Josef Offer (*1850), Direktor der damals als „Landes-Irrenanstalt“ bezeichneten „Versorgungsanstalt für unheilbare, ungefährliche Geisteskranke“. Unter seiner Führung hatte die Institution ihren größten Ausbau erlebt.

Im Ersten Weltkrieg war Dr. Franz Offer auf der Marmolata. Sie sollte sein Lebensberg bleiben, auch wenn er im Lauf seines Lebens noch unzählige Berge besteigen konnte. Ebenso trägt er Anteil an der Erschließung der Mieminger Berge. Er hat in der Mieminger Gegend viele Touren unternommen und seine Kinder fürs Bergsteigen begeistern können. Bergsteigen, Klettern und Schitourengehen waren seine Leidenschaften wie das Schwimmen, weshalb er vom Schwimmbadprojekt des Johann Haselwanter besonders angetan war:

Mein Großvater war ein mords Bergsteiger und ein fanatischer Anhänger vom Baden. Er hat aufs Tiroler Nussöl geschworen. Demenentsprechend war er immer ganz dunkel, fast schwarz, und muskulös. Man hat ihn auch „Gandhi“ genannt, weil er dem zum Verwechseln ähnlich geschaut hat. Aloisia Zoller, die aus Krebsbach stammt, erinnert sich gern, dass sie der von ihr liebevoll „Offer-Opa“ genannte Franz Offer als „größten Fisch von ganz Barwies“ bezeichnet hat. Wobei er die Badegewohnheiten der Kinder stets kritisch beobachtet hat:

Wie wir Kinder schwimmen waren, sind wir immer unter der brütenden Sonne stundenlang gesessen und dann, patsch, hinein ins Wasser. Dann hat er gesagt: „Nein, Kinder!“ Weißt Du, der hat immer so hektisch und nervös geredet, „nein Kinder, schaut einmal her, das müsst ihr so machen.“  Dann hat er zuerst die Hände ins Wasser getaucht und wir haben’s ihm nachmachen müssen. Dann mit den Händen Wasser auf den Nacken tropfen, dann ins Gesicht. „So Kinder, und jetzt könnt ihr losschwimmen!“ Da hat ja noch keiner gedacht, dass die Sonne auch schaden könnte.

Legendär sind die Feste der Familie Offer in den Lärchenwiesen, als dort noch Wiesenchampignons, Riesenschirmpilze und Enziane wuchsen. Der Großvater hat gern gefeiert und gekocht und war außerdem ein Kaffeeliebhaber:

Die weißen, ungerösteten, Kaffebohnen hat er in Säcken zu 20 Kilo gelagert. Am Sonntagvormittag hat er unten den Ofen eingeheizt und eine Stunde lang Kaffee geröstet, dann von Hand gerieben. Die ganze Umgebung hat nach Kaffee geduftet. Einen Tag vorher wurde immer schon eine Malakofftorte gemacht, die gab es dann am Sonntag zum Kaffee.

Außerdem hat er Tabak angepflanzt auf der Ostseite des Hauses. Am Balkon hat er dann jedes Blatt einzeln zum Trocknen aufgehängt.

Medizinische Bekanntheit erlangte Franz Offer vor allem wegen seiner Infektionsbehandlungen zu einer Zeit, als noch keine Antibiotika  eingesetzt wurden: „Er war so ein guter Diagnostiker, vor allem bei Lungenentzündungen. Und das war in der Zeit eine riesige Leistung!“ Zahnbehandlungen und Plombieren standen ebenso an der Tagesordnung wie das Leisten von Geburtshilfe. Gearbeitet wurde insbesondere mit Naturheilmitteln und Tees, im Doktorhaus war auch eine Hausapotheke untergebracht. Unterhalb der Ordination war zeitweise ein Schulzimmer eingerichtet. Franz Offers Tochter Annemarie hat zum Teil dort unterrichtet, wie deren Töchter wissen: „Vormittags war sie in Barwies in der Schule, am Nachmittag ist sie zum Unterrichten nach Wildermieming geradelt.“http://www.oberleit.at/typo3/#_ftn9

Ein Gemeindearzt hatte früher viel mehr Krankenbesuche zu machen als heute. Die Transportmöglichkeiten waren schwierig, die Straßen oft nicht geräumt, Fachärzte eine Tagesreise weit entfernt. Der Arzt wurde vielfach erst gerufen, „wenn`s zum Sterben war“: „Früher sind öfter Blinddarmdurchbrüche am Pferdefuhrwerk daher gekommen.“ Also waren Hausbesuche unumgänglich. Dr. Franz Offer war ein Hundeliebhaber. Hund Ralf hat ihm seinen Arztkoffer auf dem Schlitten gezogen: „Sogar auf`n Haimingerberg ist er mit der Rodel“, berichtet dessen Schwiegertochter.http://www.oberleit.at/typo3/#_ftn11 „Der Großvater hatte eine Ordination in Nassereith, dorthin ging er einmal die Woche zu Fuß und auch nach Mötz, im Winter mit den Schiern. Wenn er dort Visite hatte, musste er da übernachten“, ergänzt sein Enkel Gerhard. Einmal habe sein Hund am Weg nach Barwies mitsamt der Rodel Hennen nachgejagt und sie seien schließlich auf einem Misthaufen gelandet.http://www.oberleit.at/typo3/#_ftn12 Fortschrittlicher war da schon Sohn Heinz (*1919) auf seiner Puch 125, später mit einer Puch 150, unterwegs: „Damit ist mein Vater auch im Winter gefahren. Er hat sich dazu behelfsmäßig Ketten gemacht und so Riemen. Er und der Mötzer Bäcker waren oft die ersten, die in der Früh von Mötz herauf sind“, erzählt Dr. Gerhard Offer.

Damit die Ärzte in die Peripherie gingen und am Land blieben, wurden sie entsprechend unterstützt. So haben die Gemeinden beispielsweise Brennholz geliefert. „Das ganze Haus inklusive Ordination ist mit Holz geheizt worden, in jedem Raum war ein Schwedenofen. Später wurde auf Kohle, dann auf Öl umgestellt. Der Vater hat noch Heizöl von der Gemeinde bezogen und ist beim Strom unterstützt worden.“

Bezahlt wurde früher häufig mit Naturalien wie Butter, Eier, Speck oder lebende Hennen. Hühnerfleisch galt als Sonntagsessen. „Der Großvater hat alle behandelt, vielfach wurde mit Lebensmitteln bezahlt, also war immer etwas zum Essen im Haus.“ „Wenn er einen Speck bekommen hat, hat man ihn zum Frischhalten zwischen den Fensterscheiben aufgehängt, so kalt war es im Doktorhaus.“

Dr. Heinz Offer hat 1949 die Ordination komplett übernommen. „Der Vater war ein guter Doktor. Kannte sich gut aus mit der Haut und konnte den Bauch gut beurteilen.“[17] Er hat unzählige Zahnbehandlungen gemacht und Entbindungen begleitet. Die Hebamme Aloisia Zoller war von Mieming nach Nassereith gezogen und außerhalb als Geburtshelferin tätig, sie wurde aber immer wieder als Hebamme und zur Mütterberatung nach Mieming gerufen:

Der Heinz hat die Geburtshilfe immer mögen. Einmal hat er mich geholt, da hat er […] schon abgenabelt gehabt und das Poppele schöner eingewickelt, als es die liebste Mama tun könnte. Und da hat er dem Baby sogar einen Schnuller gesucht! Der hat das nicht nüchtern medizinisch, der hat einfach das Menschenkindl gesehen. 

Geburtshilflich habe sich, resümiert Zoller, in den letzten Jahr(zehnt)en enorm viel geändert: „Wir haben ja am Anfang kein Kardiotokogramm gehabt und keinen Ultraschall. Aber man entwickelt in dem Beruf einen sechsten Sinn. Und das Gespür war früher ausgeprägter ohne Apparate.“ Vorbild und Motivation für diesen Berufswunsch war für sie von klein auf eine Obermieminger Hebamme gewesen: „Als Madele, wenn wir am Feld draußen gewesen sind, ist immer die Plattners Lene, vom Bot`n, vorbei geradelt. Und hinten aufm Radl hat sie die Tasche gehabt, so eine, wie sie früher die Doktoren gehabt haben. Halt eine richtige Hebamme!“ 

Im Lauf der Zeit  hat sich aber auch die Arztpraxis, zusammenhängend mit dem Versicherungswesen, geändert:

Ich habe einmal in die alten Ordinationsbücher des Großvaters geschaut, der hatte noch ungefähr drei Patienten am Vormittag. Mit dem Beginn der Kassenmedizin hat der Papierkrieg angefangen und die Leute sind viel mehr zum Doktor gegangen.  Der Vater kannte fast alle Geburtsdaten der Mieminger auswendig. Er hatte ein beachtenswertes Zahlengedächtnis. 

Ab 1976 führte Heinz Offer mit seinem Sohn Gerhard eine der ersten Gemeinschaftspraxen in der Gegend. Bald darauf wurde das gesamte Parterre zur Ordination umgebaut, später gab es im ganzen Haus Behandlungsräume. Im April 1988 stieg Dr. Armin Linser in diese Gemeinschaftspraxis ein und übernahm im darauffolgenden Jahr die Kassenstelle von seinem Schwiegervater Dr. Heinz Offer. 17 Jahre bestand diese Gemeinschaftspraxis mit durchgehender Öffnungszeit über den gesamten Tag und ohne Urlaubssperre über das ganze Jahr und zusätzlich erfolgte über diese beiden Ärzte die notärztliche Versorgung des gesamten Mieminger Plateaus vom Herzinfarkt bis hin zu den Verkehrsunfällen. Im Dezember 2004 erfolgte die Übersiedlung in das neue Doktorhaus ins Sozialzentrum Mieming. Nach der Trennung von Gerhard Offer im Juli 2005 ordiniert Armin Linser nach wie vor in diesen neuen Räumlichkeiten, während Gerhard Offer nach Kündigung seines Kassenvertrages das „alte“ Doktorhaus, das bislang den vier Sanitätssprengelgemeinden Obsteig, Mötz, Mieming und Wildermieming gehört hatte, kaufte und dorthin als Wahlarzt zurückkehrte. Für diese frei gewordene Kassenstelle hat sich Dr. Stefan Oberleit beworben und er ordiniert wie seine Frau Dr. Christiane Oberleit seit Oktober 2005 ebenfalls im Doktorhaus in Barwies.

„Ich habe sehr viel Unfallchirurgie gemacht und wahnsinnig viel Knochenbrüche behandelt“, berichtet Gerhard Offer. Das betrifft vor allem die Zeit, als es beim Schifahren noch keine Sicherheitsbindungen gab und sich das Langlaufen nach und nach zum Breitensport entwickelt hat. „Langlaufen ist sehr gesund und das kann jeder machen“, hat man damals gepredigt. „Im Ebenen ist das ja auch kein Problem, aber bei den Abfahrten haben sich viele die Hand gebrochen oder den Knöchel verstaucht. Mittags kamen oft vier, fünf Verletzte von der Piste hierher.“ Es gab überdimensional viele Verletzungen, fast immer wurde gegipst, während heute sofort operiert wird.

Mit Eröffnung der Sonnenapotheke in Obermieming im März 2003 wurde der Wechsel hin zu einer öffentlichen Apotheke vollzogen. Mit der Schließung der Hausapotheke von Dr. Offer und Dr. Linser wurde ein Apothekensystem abgelöst, das 70 Jahre lang die medikamentöse Versorgung am Plateau gewährleistet hatte.

(Diese Textauszüge, geschrieben von Ingeborg Schmid-Mummert stammen aus dem Buch „Mieming. Geschichte und Geschichten“ , erschienen 2011)